Zuletzt kommentiert
- Glückspolitik: Sei zufrieden mit dem, was Du…
- Alternative für Deutschland: Euro-Rebellen auf…
- Energiewende: Im Spargang an die Wand
- Rauchverbot: Durchregulierte Spielplätze
- Im Zweifel für den Zweifel: Merchants of doubt…
- Missbrauch: Gefangen im ewigen Teufelskreis?
- Kreuzfahrer gegen das Rauchen: Volk, entscheide!…
- Grüne Steuerpläne: Die Bestrafungspartei
- Alltagswahnsinn: Im Neobiedermeier
- Eurokrise: Euro-Verlierer Deutschland
Am meisten kommentiert
- Klimakonferenz Kopenhagen: Der Weltuntergang fällt aus!
- Das sonnige Imperium des Hermann Scheer
- BASF und Gentechnik: Nix wie weg!
- WHO: Welt-Heils-Ordnung
- Urheberrechtsdebatte: Äpfel und Birnen
- Gutes Buch, schlechtes Fleisch – oder eher umgekehrt?
- Der alte Mann und das Klima
Archiv
Dossiers
- Alkoholregulierung
- Arabischer Frühling
- Atomkraft
- Bevölkerungswachstum
- Bildung
- Doping
- Energiewende
- Ernährung
- Eurokrise
- Europa
- Freiheit & Autonomie
- Fukushima
- Fußball
- Grüne Gentechnik &
Landwirtschaft - Grüne NGOs
- Jugendschutz
- Klimawandel
- Multi-Kulti &
Islam - Nahost-Konflikt
- Wahlen &
Parteienkrise - Rauchverbot
- Mensch & Tier
- Technik & Utopien
- Waldorfschule & Anthroposophie
- Wirtschafts- & Finanzkrise
Protestmode: Ist die „deutsche Wutbürgerei“ ansteckend?
Von Matthias Heitmann
In der Bundesrepublik Deutschland ist etwa im Vergleich zur Schweizer Tradition, in der Elemente der direkten Demokratie seit langem eine gewichtige Rolle im politischen Apparat und auch im politischen Selbstverständnis spielen, die direkte Bürgerbeteiligung wenig entwickelt. Das Grundgesetz sieht lediglich für zwei Fälle einen Volksentscheid vor: bei einer Neugliederung des Bundesgebietes nach Art. 29 GG und bei der Ablösung des Grundgesetzes durch eine neue Verfassung (Art. 146 GG). Beide Fälle traten so nicht ein, da die Wiedervereinigung 1990 über einen „Beitritt“ der neuen ostdeutschen Länder erfolgte und in der Folge das Grundgesetz nicht durch eine neue Verfassung ersetzt wurde. Ansonsten gibt es auf Bundesebene für die Bevölkerung keine Möglichkeit, Volksentscheide zu initiieren. Auch auf Länderebene gibt es keine einheitlichen Regelungen.
Dies ist nicht nur einfach ein politisches Versäumnis, sondern ein Wesensmerkmal des deutschen Demokratiemodells: Es sieht jenseits von Wahlen die direkte demokratische Beteiligung der Bevölkerung am politischen Prozess nicht oder nur im begrenzten Maße vor. Als Reaktion auf den deutschen Faschismus wurde nach 1945 in Westdeutschland eine stark formalisierte und institutionell mehrfach abgesicherte Demokratie geschaffen, in der den politischen Parteien eine zentrale Stellung zugewiesen wurde. Das neue parlamentarische System wurde von oben und von außen (durch die westlichen Alliierten) errichtet und entwickelte so seinen stark bürokratischen und formalisierten Charakter. In Ostdeutschland wurde der politische Bewegungsraum der Bürger sogar nahezu vollends eliminiert. Direkte Demokratie ist somit kein integraler Bestandteil unserer politischen Kultur.
Spätestens seit Beginn des 21. Jahrhunderts zeigt sich sehr deutlich, dass die abgeschotteten und zunehmend versteinerten Parteiapparate, die ihre Legitimation aus der (westdeutschen) Nachkriegsära zogen, immer weniger in der Lage sind, die Neuerungen einzuleiten, die nötig wären, um sich den Herausforderungen der Zeit zu stellen. Die stärker werdende Ablehnung „der Politik“ durch die Menschen ist eine Folge dieser inhaltlichen Versteinerung und Abkapselung sowie der Unfähigkeit (oder auch Unwilligkeit), die Bevölkerung in Gestaltungsprozesse zu integrieren und sich selbst den notwendigen und auch kontroversen inhaltlichen Debatten über die Zukunft zu öffnen.
Angesichts dieser Entwicklung ist es nicht überraschend, dass sich der Unmut der Menschen neue Wege sucht. Der Aufstieg der Piratenpartei, die hauptsächlich als Anti-Parteien-Partei wahrgenommen wird, ist ebenso als Ausdruck des Protests gegen das etablierte System zu werten wie die Forderung nach mehr direkter Mitbestimmung. Während in der Schweiz das Fordern bzw. die Inanspruchnahme direkter Mitbestimmungsrechte Bestandteil des geordneten politischen Prozesses ist, ist vergleichbares hierzulande bereits ein in der Regel aus linken und grünen Kreisen stammendes Protest-Statement „gegen das System“. Direkte Mitbestimmung wird in der Schweiz als allgemeingültiges politisches Instrument wertgeschätzt; in Deutschland hingegen gilt sie als Hebel der Gegner der Altparteien, um an diesen vorbei und gegen sie Einfluss zu nehmen.
Dies erklärt, warum Volksentscheiden häufig sehr emotional und verbissen ausgetragene Konflikte zugrunde liegen und die Tendenz sehr ausgeprägt ist, diese Abstimmungen zu einer wütenden Ohrfeige „gegen die da oben“ und deren Pläne zu machen. Sehr deutlich wurde dieser Impuls in zahlreichen Auseinandersetzungen der letzten Monate und Jahre, in denen Volksentscheide über Infrastrukturprojekte entweder durchgeführt oder gefordert wurde oder aber Versuche unternommen wurden, diese Projekte gerichtlich zu stoppen: Sei es der Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs („Stuttgart 21“), der Ausbau des Münchner „Franz-Josef-Strauß“-Flughafens, die Debatte über das Nachtflugverbot am Flughafen Frankfurt, die Errichtung neuer Stromtrassen oder die Elbvertiefung in Hamburg – in all diesen Fällen wurde aus links-grüner Richtung gegen die Projekte Front gemacht.
Wie wenig zielführend die Orientierung „gegen die da oben“ in der konkreten Sache ist, zeigt sich insbesondere am Widerstand gegen die neuen Stromtrassen: Diese sind im Zuge der beschlossenen Energiewende unerlässlich, um den in Norddeutschland mithilfe von Windkraftanlagen produzierten „umweltfreundlichen“ Strom in den Süden zu transportieren. Die Alternative wäre, die Trassen unterirdisch zu verlegen, was jedoch ebenfalls zu Protesten, insbesondere der Landwirte, führen würde. Interessant ist hier, dass der Protest gegen die Trassen gerade auch im Lager der traditionellen Atomkraftgegner weit verbreitet ist – also eigentlich genau in der Klientel, die eigentlich diesen Trassen zustimmen sollte. Dass sie es in weiten Teilen nicht tut, ist ein Beispiel dafür, welche politische Relevanz die in den letzten Jahren so populär gewordenen Bürgerproteste haben: Die „Wutbürger“ (von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum „Wort des Jahres 2010“ gewählt) bemächtigen sich des Instruments direkter Demokratie, um ihrer politischen Frustration und Entfremdung Ausdruck zu verleihen.
Mit einer konstruktiven Mitsprache und Mitentscheidung oder gar einem Bekenntnis zur Entscheidungsfähigkeit und Selbstbestimmung der Bevölkerung hat dies nur wenig zu tun. Wie auch der bayerische Volksentscheid über ein absolutes Rauchverbot im öffentlichen Raum aus dem Jahr 2010, mit dem das deutschlandweit strikteste Rauchverbot eingeführt wurde, zeigt, inszenieren sich die Befürworter der Volksentscheide gerne als Anwälte unterdrückter Opfergruppen und argumentieren entsprechend aus einer Opferposition heraus – gegen die Eliten, gegen Großprojekte und gegen vermeintlich „unterdrückerische“ Mehrheiten. Die Lage ist somit in gewisser Weise kurios: Die Verfechter der direkten Demokratie begründen ihr Handeln in der Regel nicht mit dem Verweis auf die generelle politische und menschliche Verlässlichkeit der Mehrheit der Bevölkerung, sondern zuweilen mit antipolitischen oder gar antidemokratischen Positionen.
Obwohl die Akzeptanz wie auch die Nutzung direktdemokratischer Instrumente in der Schweiz deutlich anders gelagert sind, erscheint es auch dort nicht ausgeschlossen, dass die „Wutbürgerei“ zunimmt. Die in Deutschland viel beachtete Schweizer Volksinitiative „Gegen den Bau von Minaretten“ vom November 2009 könnte ein Indiz hierfür sein: Das Votum deutete darauf hin, dass sich nicht wenige Eidgenossen fremd im eigenen Land fühlen und die Abstimmung als Plattform nutzten, um diesem eher diffusen Gefühl, das sich mit Sicherheit nicht an den vier bestehenden Schweizer Minaretten festmachen lässt, Ausdruck zu verleihen. Dass sich ein solcher Protest gegen das naheliegendste Befremdende richtet, sollte nicht von der eigentlichen inhaltlichen Aussage ablenken, die für Schweiz und Deutschland gleichermaßen gilt: dass die Distanz zwischen Eliten und Bevölkerung wächst und damit die Unzufriedenheit steigt.
Matthias Heitmann ist freier Journalist und Novo-Redakteur. Seine Website findet sich unter heitmann-klartext.de. Der Artikel erschien zunächst in leicht veränderter Fassung unter dem Titel „Steckt sich die Schweiz an?“ auf der Website des Schweizer Monat. Zwischen NovoArgumente und der Autorenzeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur besteht eine redaktionelle Zusammenarbeit, die die regelmäßige Publikation ausgewählter Artikel auf den jeweiligen Partnerwebsites einschließt. Zum Inhaltsverzeichnis der aktuellen Printausgabe des Schweizer Monat (Nr. 998): hier.
Verwandte Artikel
Frank Furedi: Occupy-Bewegung: Der Weg ist alles, das Ziel ist nichts
Tillmann Prüfer: Parteienkrise: Die Odyssee der Moralpiraten
Fortschrittsdebatte: Wo sind all die Progressiven hin?
Lesen und diskutieren Sie alle Artikel der neuen Ausgabe. Die komplette Inhaltsangabe finden Sie hier: Inhalt. Ein Jahresabonnement kostet nur 37,80 Euro (Studenten 28,50 Euro). Zögern Sie nicht und bestellen Sie noch heute in unserem Shop. Damit bleiben Sie am Ball und sichern die Herausgabe eines wegweisenden Zeitschriftenprojekts. Neu: Die aktuelle Ausgabe ist auch als versandkostenfreie Digitalausgabe (PDF, E-Pub und Mobi) erhältlich. Wenden Sie sich bei Interesse bitte direkt an den Leserservice.
Mehr zum Thema im Novo-Dossier"Wahlen und Parteienkrise"
03.07.2012 | Permanenter Link |
Kategorie(n):
Hallo Herr Pfeiffer,
vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar.
Vielleicht habe ich mich nicht klar genug auswgedrückt: Meiner Ansicht nach haben wir es in Deutschland mit einer sehr unterentwickelten demokratischen Kultur zu tun. In einer solchen degenerieren Volksentscheide zu Anlässen, um “die Politik” kollektiv für ihre Abgehobenheit abzustrafen.
Ich kann diesen Impuls nachvollziehen. Nur am Problem der Unteretnwickeltheit der demokratischen Kultur lässt sich auf diese Weise nur wenig ändern. Hierzu wäre es notwendig, Diskussionen offener und sachlicher zu führen und überhaupt den Impuls zu haben, die Menschen tatsächlich als Souverän zu behandeln. Die Politik tut das genaue Gegenteil.
Zudem glaube ich, dass Volksentscheide durch ihre Betonung einzelner Ja-/Nein-Fragen und deren Herauslösung aus politischen Kontexten nicht sehr gut dazu geeignet sind, kontextuales politisches Denken zu fördern, eher im Gegenteil: Komplexitäten werden auf Ja oder Nein reduziert, was wiederum dazu führt, dass Politiker aus Angst die Bevölkerung über ihre tatsächlichen Motive im Ungewissen lassen.
Wenn man bedenkt, dass die Schweizer seit Generationen ihren Männern nach dem Wehrdienst die Schusswaffen mitgeben, um allzeit ihre direkte Demokratie gegen innere wie äußere Feinde verteidigen zu können, dann wird deutlich, wie eine in sich gefestigte, liberale Demokratie, die vom Volk ausgeht, so grundsätzlich anders, als unser Murks-Klischee-Model funktioniert.
Volksentscheide können ein Beitrag zur Erweiterung der demokratischen Möglichkeiten sein , romantisieren sollte man sie aber nicht .
Gerade der Hinweis auf die Minarett-Initiative ist da berechtigt , und noch problematischer ist die “Ausschaffungs-Initiative” , im selben Land.
Wer Plebiszite möchte . muß sich im Klaren darüber sein , daß da auch versucht werden wird , dem “gesunden Volksempfinden” zu seinem “Recht” zu verhelfen.
Daher müssen Volksentscheide strikt gebunden sein an die Verfassung .




Ich stimme dem ersten Teil das Artikels zu, dem zweiten nicht 100%ig.
Ich sehe ein klares Versäumnis der Politik darin, die Bürger viel zu wenig einzubinden. Und ich sehe die Bürgerproteste klar als Folge dieser mangelnden Einbindung.
Und einige Bürgerbegehren (wie z.b. Stuttgart 21) hätten vielleicht vermieden werden können, wenn die Politik - bevor sie gehandelt hat - den Bürgern erklärt hätte, warum sie den Bahnhof bauen will und insbesondere welche Vorteile die Bürger dadurch haben. Daher waren die Stuttgart 21 Proteste klar eine “Ohrfeige” für die Politik - ob sie nun zum Wohle der Bürger waren oder nicht, kann ich nicht sagen, da ich dafür nicht tief genug in der Materie stecke. Fakt ist, dass sich der Staat durch eine rechtzeitige und sinnvolle Informationspolitik sehr viel Ärger und Geld hätte sparen können. Ich kann nur hoffen, dass andere Politiker aus diesem Debakel lernen und versuchen, die Bürger zu überzeugen, _bevor_ sie handeln und z.B. Verträge schließen, nicht erst danach.
Ähnliches gilt übrigens für ACTA: Einer der Hauptvorwürfe daran ist ja, dass ACTA ausgehandelt und unterschrieben wurde, ohne die Bürger oder auch nur das Parlament ausreichend zu unterrichten. Das wäre ohne Weiteres machbar gewesen.
Der Punkt, an dem meine Meinung von Ihrer abweicht ist der, dass Sie im hinteren Teil des Artikels die Tatsache, dass die meisten Bürgerbegehren in letzter Zeit andere Positionen als Sie selbst einnehmen, gegen die direkte Demokratie, wie sie derzeit betrieben wird in’s Feld führen. Hiermit widerspren Sie sich sich im Grunde selbst, da sie zu Beginn schreiben, dass die Politik für die Politikverdrossenheit der Bürger selbst verantwortlich ist, da sie sich ihnen zu sehr verschlossen hat.
Ich finde die Argumentation “Wenn die Bürger nicht so entscheiden, wie ich es für sinnvoll halte, dann sollten sie mal besser doch nicht so viel entscheiden” im Grundsatz schlicht falsch.
Denn wenn man davon überzeugt ist, dass die eigene Position die richtige ist, dann muss man auch dazu fähig sein, die Bürger davon zu überzeugen. Denn die Haltung “Wir wissen besser als ihr Bürger, was richtig für euch ist”, ist es ja, die unsere Politik überhaupt erst in ihre aktuelle missliche Lage gebracht hat.
Daher verläuft sich meines Erachtens die sinnvolle Argumentationslinie zu Beginn des Artikels am Ende in ein plattes “Die Bürger haben in letzter Zeit meistens nicht gut entschieden”, anstatt weiter zu gehen und darüber nachzudenken, wie denn die Politik die Bürger wieder für sich gewinnen kann (nämlich mit Überzeugungsarbeit statt Entscheidungen über ihre Köpfe hinweg).
Ich bin überzeugter Verfechter der Demokratie, so direkt wie möglich, unabhängig davon, wie die Bürger in jewieligen Fällen konkret entscheiden. Wenn die Bürger Entscheidungen treffen, die ich für nicht sinnig halte, dann muss ich die Bürger von meiner Position überzeugen, anstatt ihnen den Mund zu verbieten.
Thomas Pfeiffer
03.07.2012 17:51